Istrien - unser ewiger Sommer

Kapitel 1: Medulin – der Anfang von allem

Irgendwo muss ja alles anfangen. Bei uns war es Medulin. Immer wieder. Jahr für Jahr. Nicht, weil es der schönste Ort Kroatiens ist – sondern weil es unserer war. Unser Sommerhauptquartier. Unser „Die-Kinder-sind-weg,-aber-irgendwo-glücklich“-Ort.

Unser „Es-war-nicht-immer-ordentlich-aber-immer-schön“-Ort

Unser „Es-war-alles-da-und-nichts-war-wichtig“-Ort

Medulin selbst ist ja, seien wir ehrlich, eher… zweckmäßig. Die „Altstadt“ ist schnell durchspaziert, die Restaurants damals eher Kategorie „geht eh“, und der öffentliche Strand war früher nicht gerade der Stoff, aus dem Postkarten sind.

Aber: Mittlerweile wurde zumindest das Hafengelände  aufgehübscht – neue Promenade, neue Bänke, sogar etwas Flair. Nett. Wirklich nett. Nur eben nicht der Grund, warum wir jedes Jahr herkamen.

Der Grund war der Campingplatz Arena.  Eine eigene Halbinsel, voll mit Pinien, Schatten, Sonne, und genug Platz für Zelt, Motorboot, Fahrräder und Kinder, die irgendwo zwischen Kiosk, Wasserrutsche und Bäumen verschwanden.

Die alten Fotos zeigen es perfekt: das Zelt schief aufgebaut, irgendwo hängt ein nasses Badehandtuch, drei Fahrräder liegen herum. 

Heute gibt es Glamping-Zelte, Mobilheime, WLAN und Komfortzonen. Schön, ja. Aber ein bisschen vermisse ich das ursprüngliche Chaos. Das echte, salzige, leicht improvisierte Leben.

Kapitel X: Barfuß, verbrannt, glücklich – unser Leben am Campingplatz

Das Zelt war unser Königreich. Groß genug für eine Familie, klein genug für Chaos. Auf dem Boden: Sand, Spielsachen und irgendwo ein verschwundener Badeschuh. Wir lebten draußen – zwischen Wäscheständer, Luftmatratze und Gelsenkerzen. Die Tage begannen früh, mit Sonne im Gesicht und salzigen Kissen, und endeten spät – mit müden Kindern, einem Glas Wein und dem obligatorischen „Mama, morgen machen wir aber...!“

 

Gerhard? Der kämpfte mit dem Boot. Es war eine Art mediterraner Dauertanz aus Motor ausbauen, Motor reinknallen, Kabel suchen, wieder fluchen. Aber er war beschäftigt. Die Kinder waren irgendwo – Schnorcheln, Steine sammeln, im Miniclub, auf dem Spielplatz... und – ach ja – der Gameboy war auch schon damals gelegentlich wichtiger als das Mittelmeer.

Später dann, als wir längst Profis im Zeltschnellaufbau und Boot-ins-Wasser-Lassen waren, kam der sportliche Fortschritt:

Stand-up Paddling für die Balance-Künstler, Paragliding für die Schwerelosigkeitssüchtigen, und wer auf den Klippen stand, schaute weniger nach unten als nach innen. Rückblickend betrachtet: mehr als perfekt. Und in diesem Mikrokosmos zwischen Kieselstrand, Kinderlachen und Pfirsicheistee lag unser ewiger Sommer. 

Kapitel 2: Kap Kamenjak – Adrenalin und Leuchtturm

Der Ausflug zum Kap Kamenjak war unser jährlicher Pflichttermin. Unser Parcours. Unser natürlicher Freizeitpark – nur ohne Eintritt.

Natürlich ging’s mit dem Boot hin: bunter Sonnenschirm drauf, Kinder vorne, ich irgendwo dazwischen gemischt aus Panik und Glück („Halt dich fest, aber bitte nicht am Motor!“).

Das Kap kann locker mit anderen Klippenspringer-Destinationen mithalten. Natürlich springe ich auch. Nicht von ganz oben – so ehrlich bin ich. Aber immerhin von der Mittelstufe. Und wer glaubt, das Runterklettern dorthin sei gemütlich, der irrt. Auch das braucht Mut und Grip.

Unter den Klippen verstecken sich Höhlen, in die man hineintauchen kann. Das Wasser ist klar, kalt, türkis. 

Und über allem wacht der Leuchtturm Porer. Seit dem 19. Jahrhundert steht er auf seiner kleinen Insel vor dem Kap. Damals warnte er vor den Felsen – heute ziert er Instagram-Feeds. Für uns ist er ein vertrautes Bild, ein Ritual, ein Zeichen: Wir sind wieder da.

Kapitel 3: Levan – Sand, Cocktail, Nostalgie

Die Sandstrandinsel Levan war früher unser privater Luxus. Naja, Luxus ist vielleicht übertrieben. Es gab da ein „Restaurant“ – eigentlich ein Blätterdach, Holzbänke, ein Grill und ein Typ, der so tat, als gäbe es eine Speisekarte.

Es gab Fisch. Punkt. Und man kam nur hin, wenn man ein eigenes Boot hatte.

 

 

Heute? Wassertaxis, Sonnenschirme, Cocktailbar, ein richtiges Restaurant. Man kann dort mittlerweile Mojito bestellen, ohne dass jemand komisch schaut.

Schön ist es trotzdem. Nur anders. Weniger geheim, mehr Instagram. Aber der Sand ist derselbe, und das Wasser auch.

Kapitel 4: Pula – Geschichte, Steine & die besten Calamari

Pula gehört dazu. Immer schon. Am späten Nachmittag hin – das Licht ist dann goldig, weich, perfekt für unser Ritual.

Das Amphitheater? Ja, natürlich kennen wir es. Nach dem hundertsten Besuch kennt man jede Säule persönlich. Aber es beeindruckt trotzdem jedes Mal. Ein Steinwunder aus der Römerzeit.

 

 

Danach ging’s wie immer durch die Altstadt: Augustustempel, Forum, enge Gassen. Und dann – die Fressmeile. Das Restaurant, wo es die besten Calamari vom Grill gibt. Oder das beste Trüffelrisotto. Je nach Tagesverfassung.

Die Kinder bekamen Eis. Wir Malvazija. Und alles war gut.

Kapitel 5: Rovinj – die schönste Parkplatzlotterie der Welt

Rovinj ist wunderschön. Punkt. Nur leider schwer erreichbar für Menschen mit Autos.

Wenn man einmal einen Parkplatz gefunden hatte (was manchmal einem Wunder glich), war Rovinj die Belohnung: Hafenrunde, Gassen, venezianische Fassaden, hoch zur Kirche der heiligen Euphemia, runter zum Restaurant. Fertig.

 

 

Heute ist Rovinj noch voller, noch begehrter. Parkplatzsuche deluxe. Aber die Schönheit bleibt unantastbar.

Kapitel 6: Vodnjan – Verfall und Wunder

Vodnjan ist ein Ort, der aussieht, als wäre die Zeit stehen geblieben. Schräge Fassaden, abbröckelnder Putz, wuchernde Pflanzen in Fensternischen.

Und dann die Kirche des Heiligen Blasius – in ihr liegen drei unverweste Heilige. Kein Scherz. Keine Wachsfiguren. Echte, mumifizierte Körper, die seit Jahrhunderten erhalten sind. Warum? Keiner weiß es genau. Aber faszinierend ist es allemal.

Wer genau schaut, entdeckt Wappen, Balkone, alte Steintreppen und ganz viel Stille. Vodnjan ist nichts für Eilige. Aber genau deshalb besonders.

Kapitel 7: Fažana & Brijuni – hübsch, aber nicht meins

Fažana ist ein Hort der Gemütlichkeit: hübsch, bunt, voller Lokale und perfekt für einen Spaziergang.

 

Die Brijuni-Inseln allerdings… naja. Landschaflich schön, geschichtlich interessant (Tito, Staatsgäste, Safari-Park). Aber der Safari-Park besteht inzwischen aus ausgestopften Tieren, die einst lebendig herumstanden. Ich persönlich finde das etwas makaber.

Wem’s gefällt – gut. Für mich reicht Fažana.

Kapitel 8: Mošćenička Draga & Mošćenice – Treppen und Trubel

Mošćenička Draga ist malerisch. Wer es stilvoll mag, wohnt in einer der alten Villen am Hang – z. B. Villa Istra. Der Ort ist klein, charmant und – im Sommer – sehr, sehr voll. Wer Ruhe sucht, kommt besser im Mai.

Über 100 steile Stufen geht es hinauf nach Mošćenice – das alte Dorf mit Ausblick. Oben erwartet einen ein Labyrinth aus Gassen, Steinhäuser, eine Terrasse mit Fernsicht und: gutes Essen. Ja, wirklich! Das Restaurant Johnson ist bekannt für seine Fischküche. Und auch unten im Ort gibt es mit Zijavica und Pescaria zwei Lokale, die Meeresfrüchte mit Meerblick kombinieren.


Kapitel 9: Opatija – Kaiserstadt mit Meeresrauschen

Opatija war schon schön, bevor es Instagram gab. Ein Kurort der k.u.k.-Zeit, voller Villen, Prachtbauten und alter Eleganz.

Die Lungomare-Promenade führt direkt am Meer entlang – flankiert von Palmen, Marmorstatuen und eleganten Cafés. Hier flanierten einst Kaiser, Künstler und Kurgäste.

Epilog: Unser Istrien – und die alten Fotos

 

Jetzt habe ich die alten Fotos wieder angesehen. Die Kinder, sonnenverbrannt und glücklich. Das Boot. Das Zelt. Der Staub. Das Lachen. Die improvisierten Mittagessen am Plastiktisch. Der bunte Schirm am Boot. Die Wellen. Die Abende unter Pinien.

Wir wollten diesen Herbst noch einmal dorthin. Aber das Leben hat anders entschieden.

Dieser Eintrag bleibt. Als Erinnerung an eine Zeit, die nicht laut war – aber vollkommen. An Sommer, die nach Salz und Sonnencreme rochen. An uns.

Und vielleicht komme ich eines Tages wieder zurück – nicht, um das Alte zu suchen, sondern um es zu grüßen.

 

Istrien – unser ewiger Sommer.

+ verstorben am 1.09.2025 - RIP